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Yassir Interview
Im Frankfurter Nordwestzentrum haben wir Yassir getroffen und ihm bei der einen oder anderen Tasse Kaffee einige Fragen gestellt. Dabei ging es um seine musikalische und allgemeine Zukunftspläne und wie alles unter dem drohenden Schatten der Ausweisung steht. Bei all dem begegnen wir einem äußert toleranten und selbstkritischem Mann, der einiges hinter sich hat und vieles vor sich.
Du bist jetzt seit einigen Monaten aus dem Gefängnis und hast Live Auftritte hinter Dir. Wie fühlt es sich an?
Yassir: Es waren auf jeden Fall krasse Erlebnisse und so wie ich es mir vorgestellt habe. Vor allem der Support den ich erfahren habe. Im Knast bekommt man nicht viel mit aber wenn dann die Fans da sind, die Lieder mitsingen, das ist schon geil.
Durch Deine Zeit im Gefängnis konntest Du ja auch den Release von „Paragraph 31“ nicht so richtig miterleben. Ist das etwas das Du jetzt nachholen willst oder stehen jetzt andere Dinge im Vordergrund?
Yassir: Ich arbeite natürlich an neuen Sachen und das „Out Of Jail“ Konzert was das erste und einzige für „Paragraph 31“. Ich würde mich natürlich schon freuen, wenn jetzt noch Anfragen von anderen Leuten kommen würde, die mich buchen möchten, so dass sich „Paragraph 31“ noch ein wenig verbreiten kann. Ich habe auch vor mit bestimmten Einrichtungen, wie zum Beispiel Schulen, Kirchen und Jugendhäuser Veranstaltungen zu machen um auch junge Leute, die noch nicht in Clubs können, ein bisschen was zu erzählen und die Augen zu öffnen. Aber ganz alleine jetzt wieder ein Konzert für „Paragraph 31“ zu organisieren, das wäre mir zu stressig, vor allem weil ich auch an neuen Sachen arbeite.
Das heißt Du arbeitest schon ganz konkret an einem neuen Album?
Yassir: Ja, definitiv.
Kannst Du schon was dazu erzählen?
Yassir: Es wird auf jeden Fall anders als „Paragraph 31“. Der eine oder andere Song aus dem Knast wird auch wieder dabei sein, da ich ja auch einen Großteil auch im Knast geschrieben habe. Vieles wird sich aber an die Jungend richten und sozialkritisch sein. Mir geht es auch darum den Leuten, die keine Ahnung von der Straße haben, mitbekommen das dass alles kein Kinderspiel ist. Wie immer wird das Album ohne Beleidigungen und Kraftausdrücke auskommen. Ich werde da meiner Linie treu bleiben.
Hast Du auch schon Songs aufgenommen?
Yassir: Die Sachen die ich für den Label-Sampler „Kapitel Eins“ aufgenommen habe, waren alle neu. Nebenbei habe ich noch ein Feature mit Magic gemacht, dass ich eventuell auch bald „for free“ veröffentliche. Ansonsten habe ich noch nichts aufgenommen aber geschrieben ohne Ende.
Wie werden die neuen Songs vom Stil her sein?
Yassir: Ich werde natürlich wieder mit Produzenten arbeiten, will aber versuchen ein paar Musiker und Bands mit reinzunehmen, mehr Instrumente. Ich habe schon mit vielen gesprochen und es gibt auch einige Interessierte aber ich habe mich noch nicht entschieden.
Was die Produzenten angeht, wird auch wieder Lex Barkey mit von der Partie sein?
Yassir: Lex Barkey ist auf jeden Fall ein Produzent mit dem ich immer zusammenarbeiten würde aber der ist momentan an anderen Sachen dran und macht weniger Hip-Hop. Ich bin aber auch mit den Hamburgern in Kontakt, Curtains Up zum Beispiel und wenn alles gut geht, kommt da was zustande. Die haben sehr viel für mich getan und sind coole Jungs.
Du hast angesprochen dass Du auch vor hast in Jugendeinrichtungen zu spielen. Was hast Du generelle für ein Bild von Deinen Fans, sind das eher jüngere oder gehört da auch die etwas ältere Generation dazu?
Yassir: Ich habe Fans die sind neun Jahre alt und ich habe Fans die sind 50 Jahre alt. Es ist echt bunt gemischt. Ich habe ja auch zum Beispiel regelmäßig Konzerte im Knast gegeben, drei Jahre lang jeweils zu Weihnachten und zum Sommerfest. Da sind alle abgegangen, egal ob Insassen oder Wärter. Selbst meine Therapeutin im Knast in Butzbach war geflashed von meinen Songs.
Gibt es dann nicht auch Bestätigung, dass Du mit Deinen Texten und der Message auf der richtigen Fährte bist?
Yassir: Ja, auf jeden Fall. Mich regt das ohnehin auf, wenn Leute die Straße oder Gewalt verherrlichen. Ich könnte so viele Geschichten erzählen: wie ich Leute gepeinigt habe und wie gut ich mich danach gefühlt habe. Das wäre nicht mal gelogen. Wenn ich Leute höre wie Samy Deluxe, die im Interview sagen das sie das bereuen was sie früher gemacht haben, dann fühle ich mich um so mehr bestätigt in den Sachen die ich mache.
Heißt das Du hast mit der Vergangenheit abgeschlossen oder wird das etwas sein, dass Dich auch weiterhin prägen wird?
Yassir: Es wäre gelogen wenn ich sagen würde das ich rausgekommen bin und jetzt ein anderer Mensch bin. Natürlich habe ich immer noch meine Probleme, man ist sein Leben lang drogenabhängig und gefährdet. Ich kann auch nicht sagen das ich jetzt immer alles richtig machen werde, ich werde wieder Fehler machen, das ist menschlich. Aber ich weiß was richtig ist und ich hoffe einfach, dass ich ein besserer Mensch geworden bin.
War der Wandel in Deinem Leben ein langer Prozess oder gab es da Schlüsselmomente?
Yassir: Ich hatte viele Schlüsselmomente. Einmal wäre ich fast gestorben und hatte mir geschworen aufzuhören. Aber irgendwie habe ich dann mit anderen Dingern weitergemacht. Ich war dann halt nicht mehr der Schläger, sondern der Dealer. Ich war ja schon mal im Knast und auch da hatte ich gedacht ich bin bekehrt, auch da habe ich schon geschrieben aber trotzdem habe ich wieder Fehler gemacht. Da wo ich bin ist auch ein Teufelskreis und was man sich 35 Jahre lang angewöhnt hat ist schwer wieder abzulegen. Ich hoffe einfach das ich auch durch die Musik jetzt die Kraft gefunden habe. Bei meinem letzten Konzerte war es zum Beispiel auch eine Premiere, dass ich vollkommen nüchtern war. Früher wäre ich total besoffen gewesen. Das war etwas was mir gezeigt hat, dass es doch geht.
Wie stellt sich Dein Leben momentan dar? Wie schwer ist die Zeit nach dem Knast?
Yassir: Momentan ist es richtig hart. Also so mies wie es mir jetzt geht, ging es mir in Freiheit noch nie. Ich kann momentan nicht arbeiten weil noch ein Verfahren ansteht. Man will mich aus Deutschland ausweisen und so lange das nicht geklärt ist, bekomme ich keine Arbeitserlaubnis. Das bedeutet ich habe kein Geld. Es ist einfach heftig. Ich hoffe dass das bald geklärt ist und ich wieder ein normales Leben führen kann aber jetzt gerade ist es echt Scheiße.
Kann da die Musik ein Ausweg sein? Eine Alternative?
Yassir: Das kann schon sein aber es kostet alles Geld. Davon abgesehen, wenn man heute Musik macht nur um Geld zu verdienen, kann man es gleich vergessen. Zum Beispiel „Paragraph 31“, das habe ich ohne einen Pfennig aufgenommen und das bisschen was dann reingekommen ist, haben alles die Produzenten bekommen. Ich habe nichts davon gesehen, nichts verdient und es hat sehr viel Geld gekostet. Auch das Konzert, welches gut und erfolgreich gewesen ist, im Endeffekt ist nichts übrig geblieben.
Wenn Du ein Angebot für einen ganz normalen Job hättest, würdest Du das der professionellen Musik vorziehen?
Yassir: Auf jeden Fall. Ich würde Musik aber weitermachen, einfach auch weil man nicht mehr damit aufhören kann, wenn man das erlebt hat was ich erlebt habe. Es ist mein Ventil. Ich weiß auch nicht wie das bei anderen Rappern ist aber ich brauche nicht viel Zeit um etwas zu schreiben oder aufzunehmen. Für drei Songs brauche ich vielleicht eine Stunde. Wenn ich natürlich mit der Musik richtig Kohle verdienen würde, dann wäre das super aber ich will meinen Kindern nicht vorleben, dass ich nur zuhause rumhänge. Ich bin auch ein Typ der sein Leben lang gearbeitet hat. Wenn Du ein Sido oder Bushido bist sieht das vielleicht anders aus, wobei die auch viel hinter sich und alles hart erarbeitet haben.
Du bist gläubiger Moslem. In wie weit lässt sich die Musik die Du machst mit Deinem Glauben vereinbaren?
Yassir: Es ist schwierig. Eigentlich lässt es sich nicht vereinbaren, da in unserem Glauben die Musik ein Werk des Satans ist. Auf meinem Konzert habe ich ja auch „Allah hu akbar“ gebracht, der sich sehr kritisch mit dem Thema auseinandersetzt. Viele haben zu mir gesagt das sie es nicht gemacht hätten, speziell auch nach dem Abend. Ich denke da anders: würde ich es nicht machen und es verleugnen, würde ich in gewisser Weise auch meinen Glauben verleugnen und das will ich nicht. Ich achte darauf auch in meinen Songs nur Dinge zu sagen, die ich mit meinem Glauben vereinbaren kann und ich würde mich auch nie abschätzig über andere Glaubensrichtungen äußern. Jeder soll seinen Glauben haben und leben, so steht es auch im Koran. Am Ende bin ich der, der dafür Rechenschaft ablegen muss.
Wenn Du den Koran ansprichst, ist das etwas das Du komplett durch exerzierst oder siehst Du das eher liberaler?
Yassir: In erster Linie muss das jeder mit sich selbst ausmachen. Ich feiere die Moslems, die streng nach dem Koran leben und fünf Mal am Tag beten. Ich bete so oft ich kann und gehe auch in Moschee wann immer ich kann. Leider schaffe ich es nicht jeden Tag das so durchzuhalten und mich an jede Regel zu halten die der Koran vorschreibt. Ich hoffe einfach das ich irgendwann einmal, wenn ich älter bin, auch danach leben kann. Ich verstehe aber auch die Leute die das nicht können. Jedem seine Zeit wird kommen. Es ist aber auch schlecht über Leute zu urteilen. Jemand ist nicht besser oder schlechter, nur weil er fünf Mal am Tag betet.
Nochmal zurück zum musikalischen. Einige prominenten Rapper, wie zum Beispiel Dennis Lisk alias Denyo oder Max Herre habe ja vor kurzem zur Gitarre gegriffen und sind ein wenig in Richtung Singer/Songwriter gegangen.
Yassir: Ich würde immer nur rappen weil ich einfach nicht singen kann aber ich liebe diese Musik. Max Herre gefällt mir auf jeden Fall sehr gut. Ich kenne jede Platte von Freundeskreis, ich habe sie mir alle gekauft und fast auswendig gerappt. Max Herre gehört auch zu den Leuten die mich oberkrass geflashed haben und wegen denen ich Musik mache.
Du wurdest von Max Herre inspiriert?
Yassir: Auf jeden Fall. Ich hab das tagelang gehört. So zum Beispiel auch Curse, höre ich immer noch gerne aber Max Herre ist da ganz oben mit dabei. Wenn ich mal ein Song mit ihm machen könnte, wäre ich sofort mit dabei.
Wenn wir von Inspirationsquellen sprechen, Du lebst ja schon ewig in der Nordweststadt, wo auch Rapper und Bands wie die Asiatic Warriors, Chabs oder D-Flame groß geworden sind. Trotzdem hat es fast schon Jahrzehnte gedauert bis Du selber angefangen hast zu rappen. Warum?
Yassir: Ich war früher einfach ein Anderer. Ich erinnere mich noch zu Zeiten der Asiatic Warriors bei einer Weihnachtsfeier, wo echt alle aufgetreten sind. Am Ende gab es ein Open Mic und jeder konnte rappen. Ich war total besoffen und hab gefreestyled und habe sie alle geflashed, wirklich alle. Ich kannte auch alle Texte von den Jungs. Tone habe ich beispielsweise zu den Konkret Finn Zeiten „Ich Diss Dich“ vorgerappt und er war total geflashed. Er hat dann zu mir gesagt: „Wenn Du mal rappen willst, ich würde mir Dir jederzeit ein Feature machen.“ Alleine das war es, was mich zum rappen gebracht hat. Der erste Feature Versuch hat nicht geklappt, ich war total fertig, auf Drogen und habe einfach keinen Kopf dafür gehabt und er hat ihn dann alleine gemacht. Bei dem zweiten Versuch war ich im Knast aber es hat trotzdem geklappt.
Da heißt Tone ist der Grund warum Du rappst?
Yassir: Ja, kann man sagen! Er und natürlich seine damaligen Produzenten, die mich oberkrass unterstützt haben. Das werde ich nie vergessen. Wenn ich irgendwann mal richtig Erfolg haben sollte, wie zum Beispiel ein Bushido, dann würde ich diese Leute auf keinen Fall vergessen.
Was steht jetzt in nächster Zeit bei Dir an. Irgendwelche Live-Gigs geplant?
Yassir: Ich arbeite an meinem neuen Album. Abgesehen davon war das letzte Konzert ein voller Erfolg und wir planen eventuell ein Zusatzkonzert da müsste es aber echt jemanden geben, der das organisiert weil nochmal alles alleine machen, das geht nicht. Ich bin da für alles offen.
Wie kann man Dich am besten kontaktieren?
Yassir: Über Echte Musik oder meine MySpace Seite ansonsten auch über meinen Manager über mainority.de. Alle Anfragen werden auf jeden Fall beantwortet. Es wäre cool wenn da irgendetwas kommen würde.
Dann danke ich Dir für Deine Zeit und wünsche Dir viel Glück und Erfolg.
Yassir: Danke, jederzeit wieder.
Interviewpartner: Andreas Schnell
Bilder: Echte Musik
